Der Übungsweg des "Neuen Yogawillens" im Verhältnis zu traditionellen Übungswegen

 

In weit zurückliegenden Epochen der Menschheitsentwicklung war der einzelne Mensch noch ganz in das Kollektiv einer größeren Menschengruppe oder Kultur eingebunden und nahm über dieses Kollektiv an einer mehr instinktiven Hellsichtigkeit, an einem Blick in den Kosmos teil, welche ihn als Mensch mit dem Göttlichen, aus dem er selbst stammte, verband.

 

Mit dem Gang der Entwicklung  löste sich der Mensch mehr und mehr aus den Verbindungen zu seiner göttlich-geistigen Herkunft, sein Bewusstsein wendete sich mehr und mehr der äußeren irdischen Welt zu, so dass er schließlich die Beziehung zu einem Geistigen mit Beginn der Neuzeit  vor ca. 600 Jahren vollständig verlor, es entstanden die sogenannten "modernen Formen" der Kultur.

 

Der traditionelle Weg des Ostens

 

Diese über viele Jahrhunderte sich vollziehenden Veränderungen spürend, entwickelten die verschiedenen Kulturen in der Vergangenheit Wege, um sich mit dem alten, früheren kosmischen Bewusstsein wieder zu verbinden: Es entstanden vor allem die großen asketischen Wege und religiösen Richtungen des Ostens, des asiatischen Raumes, die sich durch eine große Strenge und auch Weltabgewandtheit in den äußeren Bedingungen zeigten.

 

Buddhistische Mönche:

Die Bekleidung dieser Mönche bildete und bildet auch heute noch ein einheitliches einfaches Gewand. Der Abt eines buddhistischen Klosters hielt sich die meiste Zeit in den für ihn vorgesehenen Räumen auf. Hier verrichtete er seine  Andachten und verbrachte viele Stunden in Meditation. Selbst während der Nacht verharrte er in Meditationsstellung mit gekreuzten Beinen. Sein Sitz wies nur einige harte Sitzkissen auf und war so gebaut, dass er dem Mönch weder erlaubte, sich niederzulegen noch sich auszustrecken.

Bild: pixabay, Unsplash, CC0 Public Domain

 

Der östliche Mensch suchte eine Freiheit, die nicht etwa auf "Freizügigkeit" oder "tun, was man will" abzielte, so wie Freiheit heute oft im Westen ganz äußerlich verstanden wird. Er suchte vielmehr eine Freiheit des Geist- und Seelenlebens von den körperlichen oder irdischen Bedingungen, eine Freiheit also, die über den physischen Tod hinaus noch Bedeutung hat. Äußerlich, nach den gewöhnlichen westlichen Vorstellungen, wurde ein solcher Asket "ganz unfrei", denn er musste sich mit höchster Verbindlichkeit und Disziplin dem spirituellen Lehrer, seinem "Meister" und den mit ihm gegebenen Strukturen unterstellen.

 

Die abendländischen christlichen Klöster

 

Die klösterliche Tradition des abendländischen Mönchtums zeichnete sich besonders in den frühen Phasen durch eine ähnliche Strenge und Verbindlichkeit wie die des asiatischen Kulturraumes aus. Das Mönchtum sah sich aber schon seit dem Frühmittelalter, besonders aber in späteren Zeiten immer wieder unter dem Einfluss von machtpolitischen, kirchenpolitischen und auch finanziellen Interessen.

 

Der Mönch strebte weniger sein eigenes "Freiwerden" an, da der Einzelne schon "als in Christus erlöst" galt. Die klösterliche Gemeinschaft hatte vor allem in ihren Bemühungen und in ihrem Ritus die Seelsorge für die Verstorbenen und "den Dienst am Nächsten" zum Ziel. So diente die gesamte tägliche Liturgie, etwa in Form der "gregorianischen Choräle" des Mittelalters, ursprünglich ganz der Begleitung der abgeschiedenen Seelen durch die nachtodliche  Welt.

 

Kloster in der Toskana:

Der Tagesablauf der Mönche, wie zum Beispiel der Zisterzienser, war streng bestimmt: Ihr Tag begann um zwei Uhr morgens und war in acht Andachten gegliedert, zwischen denen Arbeitszeiten und Zeiten für Textstudien lagen. Die Mahlzeiten, ein Mittagsmahl und das Abendbrot mussten schweigend eingenommen werden. Die kurze Nachtruhe vollzogen die Mönche angekleidet auf Strohsäcken, während im Schlafsaal die ganze Nacht über ein Licht brannte.

Bild: pixabay, Ernst Zeeh, CC0 Public Domain

 

Der Geistschulungsweg des "Neuen Yogawillens"

 

Der durch Heinz Grill begründete Weg zur Erforschung der spirituellen Grundlagen des Menschen und seiner Beziehungen zur Welt knüpft nicht an einer religiösen Tradition an und setzt deshalb auch nicht die Zugehörigkeit zu einer solchen voraus. Er will auch keine neue Religionsgemeinschaft begründen. Dieser Weg steht in enger Beziehung zur Anthroposophie Rudolf Steiners, seine verschiedenen Übungsschritte sind aber vom Begründer eigenständig entwickelt worden. Er wendet sich wie die Anthroposophie an den einzelnen Menschen, der Kraft seines Ichs, Kraft seiner Individualität (Individuum: lat. "das Ungeteilte") mittels imaginativer Gedanken eine aufbauende Wirkung in der Welt hervorbringen kann. Ein imaginativer Gedanke ist ein Gedanke, der aus der geistigen Welt heraus mit dem Objekt oder der  Sache in Beziehung steht, dem oder der sich ein Mensch tätig widmet

 

Das "Spazio Incontro" in Tenno bei Riva del Garda, Italien:

Die Innenräume und das Treppenhaus wurden nach metrischen Verhältnissen neu gestaltet. Die Anregungen dazu kamen von Heinz Grill. In den Räumen drücken sich zum Beispiel die Gesetze des feinstofflichen Ätherwirkens in den physischen Bauformen und der Farbgebung aus. Das Bild zeigt die "Sinnesräume", vorne der kugelförmige Esstisch, hinten das Bad mit dem Tauchbecken.

Bild: Ruurd Pieters

 

Der hier  vorgestellte, durch Heinz Grill als spiritueller Lehrer initiierte und begleitete Weg der Geistschulung will auch nicht die weltabgewandten Formen der östlichen Tradition oder die leibliche Askese des Mönchtums wiederbeleben. Noch möchte er bei dem doch gewöhnlich eher oberflächlichen Freiheitsbegriff der modernen Welt stehen bleiben, der insbesondere die geistige und mehrere Leben überspannende Natur des Menschen unberücksichtigt lässt, noch schließt er sich einer nebulösen Esoterik an.

Dieser Weg möchte vielmehr den einzelnen Menschen dazu anregen, sich aus freiem Interesse mit den Gesetzen der geistigen Welt in Beziehung zu bringen, sie zu erforschen und die aus der Arbeit freigesetzten Kräfte und Erkenntnisse unmittelbar in das ihn umgebende Gesellschaft- und Kulturleben zu integrieren. Er geht von der Einsicht aus, dass jeder einzelne Mensch mit einem individuellen Willenskeim in die Welt kommt, den man durchaus als göttlich bezeichnen kann und der etwas in das Leben hineintragen möchte, was eben nur diese Individualität in ihrer Einzigartigkeit zu leisten vermag. Der Übende gestaltet diesen Willen aus dem Keimhaften immer mehr heraus in eine erweiterte und differenzierte Form für ein Tätigsein in der Welt.

 

Aus dem traditionellen "Meister-Schüler-Verhältnis" wird ein kollegiales Verhältnis

 

Daher unterliegt in diesem dem Bewusstsein des heutigen Menschen angemessenen Geistschulungsweg das Verhältnis zwischen dem spirituellem Lehrer und dem sogenannten Schüler auch nicht mehr der strengen Ordnung der alten asketischen Wege, es besitzt aber auch nicht die Unverbindlichkeit der heutigen gewöhnlichen Lehr- und Lernbetriebe. Es ist vielmehr eine Art Arbeitsbündnis zwischen Lehrer und Schüler, in dem beide Seiten sich gemeinsam um das Ideal des schöpferisch tätigen Menschen bemühen und der Lehrer sich als solcher einfach dadurch auszeichnet, dass er, neben der initiierenden, also die seelische Entwicklung anstoßenden Wirkung, in der Bemühung um das Ideal schon mehr Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt, als der sogenannte Schüler. Beide, auch der Lehrer, sind immer in einem Lernprozess begriffen, so dass man eigentlich sogar mehr von einem Kollegenverhältnis als von einer klassischen Lehrer-Schüler-Beziehung sprechen kann.

 

Seminar "Geistiges Schauen" im Mai 2016.

Bild: Günther Pauli

 

Ein Ausdruck für diese auf einem spirituellen Weg eher neuartige Beziehung ist die mit "neuer Seminarkultur" bezeichnete Art des Referierens oder Vortragens in den Seminaren: Die verschiedenen Referenten erstellen nicht mehr eine vollständige und in sich abgeschlossene Abhandlung zu einem Thema, welche sich dann über die Zuhörer "ergießt". Die Kunst ist nun vielmehr, das Thema so hereinzuführen, durchaus mit eröffnenden Fragen, die nicht (sogleich) beantwortet werden müssen, dass ein spannungsreicher Bogen entsteht, der das Interesse des Auditoriums erweckt und es in den Gedankenaufbau und die Gestaltung der Inhalte mit einbezieht. Der Teilnehmer im Zuhörerraum erlebt sich so auch als mitdenkender und mitgestaltender Mensch, sogar, wenn er nur still in Aufmerksamkeit das Vorgetragene mit seinen Gedanken begleitet und ergänzt.