„Suggestion im Gegensatz zu einem Denken in geordneten Inhalten“

Fortbildung zur Entwicklung des Geistigen Schauens 7.-9. September 2018

Zusammenfassung einiger wesentlicher Gedanken von Sigrid Königseder


 

Geistiges Schauen kann durch regelmäßiges Übung erworben werden. Es ist aber mehr als nur eine Methode, die erlernt wird oder ein Erkenntnisvermögen, das man dem Leben hinzufügt. Vielmehr solle es die moralische Erkraftung, Authentizität und individuelle Spannkraft des Menschen fördern, sowie seine Fähigkeit, erbauend nach außen zu wirken, denn es sei bedeutungsvoll, was aus der Seele des Menschen in den Kosmos ausstrahlt. Mit diesem Gedanken spannte Heinz Grill einen sehr weiten Bogen für das thematische Arbeiten.

  • Disziplin der Reinigung

  • Was ist das Wesen der Suggestion?

  • Übungsplan

  • Die Manipulation am Menschenbild im Laufe der Geschichte“

  • Rosenkreuzer-Schulung

  • Nachtodliches Leben

  • Unterschied von Suggestion und aktivem Denken – aktives Denken und Wesensschau

 

Disziplin der Reinigung

Suggestionen dringen meist unbemerkt in den Menschen ein. Sie wollen den Menschen aus seiner Selbstbestimmung entheben, um ihn für sich nutzbar zu machen und bewirken dadurch eine Unordnung im Seelenleib. Sie entfernen das Individuum aus seiner persönlichen Integrität. Eine Ordnung müsse wieder hergestellt werden. In diesem Zusammenhang beschrieb Heinz Grill die Disziplin der Reinigung und unterschied drei verschiedene Ebenen:

 

Äußerlich auf den Körper bezogen könne Reinigung recht einfach durch Waschen oder andere Reinigungsrituale erfolgen. Mehr innerlich wirke Nahrungsfasten oder Schweigen, welche bereits etwas schwieriger seien.

 

Wiederum anspruchsvoller werde Reinigung, wenn sie durch objektives Beobachten sichtbarer Objekte oder von Gedanken, erfolgt. Indem ein Objekt betrachtet wird und die eigenen Urteile, Projektionen, Introjektionen und Emotionen dabei zurückgehalten werden, entwickelt sich eine Bewusstheit für Dinge, die man bisher noch nicht wahrgenommen hat. Dies stelle gleichzeitig eine Reinigung dar. Neues wird über die Sinne und die Aktivität der Seele einverleibt und Altes ausgeschieden. Anders ausgedrückt: Neues kommt in die Geburt, Altes löst sich los.

 

Eine Ordnung im sogenannten Astralleib (Ebene aller Gefühle, Gedanken und Willensimpulse) werde mit einem objektiven Beobachten hergestellt. Diese seelische Aktivität mit ihrer ordnenden und damit reinigenden Wirkung schließe auch den physischen Körper ein, denn ein gut geordneter Astralleib bewirkt auf der gesundheitlichen Ebene eine Stabilisierung des Vegetativums (bessere Verdauung, gesündere Ausscheidungsprozesse) und des Nervensystems. Da der Mensch sich erfahrungsgemäß aber gerne im Alten verschließt, beschrieb Heinz Grill das objektive Beobachten, die objektive Urteilsbildung und das objektive Erfassen eines Themas für den Einzelnen als eine anspruchsvolle Herausforderung.

 

Als direkt wagnisreich beschrieb Heinz Grill die dritte Art der Reinigung. Sie tritt ein, wenn ein Mensch eine Vorstellung von einem Ideal aufbaut und dieses nach reiflicher Gedankenaktivität in die Umsetzung bringt. Er müsse dabei etwas noch nicht Existentes erschaffen. Dies komme Columbus gleich, der sich auf nichts stützen konnte, auf kein Kartenmaterial, als er los segelte, um Amerika zu entdecken. Bei einem Ideal sei das ebenso, denn man könne sich nicht auf eine materielle Grundlage stützen. Die Ausrichtung des Menschen zu einem Ideal fördere, so Heinz Grill, die Beobachtung sowie das Vertrauen, dass das Ideal möglich ist. Der Einzelne arbeite in die Zukunft, die erst geistig geschaffen werde, bevor sie im Materiellen sichtbar wird. Es sei damit ein Potential des Menschen verbunden, dass er die Materie vergeistigen könne. Auf die Reinigung bezogen erlebe der Mensch eine viel stärkere Katharsis, weil er mit Ideen aus dem Geistigen beginnt, wodurch etwas Neues in die Geburt komme. Das Alte werde dabei transformiert in eine neue Dimension und dadurch gereinigt.

 

Es stellte sich die Frage, warum es so schwierig ist, in einem Ideal anzusetzen?

Es ist schwierig, weil das Ideal noch nicht vorhanden ist. Man wagt nicht, etwas zu denken, das es noch nicht gibt. Beispielsweise lebt jemand in einem Land, in dem er fast ausschließlich Satteldächer sieht. Will er nun selbst ein Haus konstruieren, wird er automatisch ein Satteldach wählen. Dies ist eine natürliche Form der Beeinflussung, eine natürliche Form der Suggestion, die wirksam wird. Ein Ideal findet der Mensch jedoch nicht so leicht im Zeittrend, das muss er selbst entwickeln. Beispielsweise hatten Gaudi oder Hundertwasser Formen entwickelt, die nicht bereits gegeben waren. Um ein Ideal zu entwickeln bedarf es der Freiheit, nicht eng an sich selbst und dem Gewohnten festzuhalten.

 

Sagrada Familia  von Antoni Gaudi © Creative Commons
Sagrada Familia von Antoni Gaudi © Creative Commons
Hundertwasser - Haus in Plochingen © Creative Commons
Hundertwasser - Haus in Plochingen © Creative Commons

 

Angesichts dieser Möglichkeiten, die Menschen ergreifen könnten, erklärte Heinz Grill sich mit der Weltensituation absolut unzufrieden und stellte fest, dass der Geist tätig werden müsse. Wenn mehr Personen den Mut dazu hätten, dann sei dies die stärkste Kraft, die es in der Welt gibt. Der Mensch heute habe jedoch am meisten Angst vor Veränderung, was sich in immer größer werdender Apathie und Spaltungen zur Realität spiegle. Dieses Verharren im Gewohnten brachte Heinz Grill in Zusammenhang mit bestehenden Bindung, von denen sich der Einzelne freier machen könne.

 

Was ist das Wesen der Suggestion?

Ein besonderes Bindungspotential sah er dabei in der Suggestion, der der Einzelne heute in zunehmendem Maße ausgesetzt ist. Sie sei eine Erscheinung der heutigen Zeit und der Mensch stehe geradezu in einem Netz von Suggestionen. Suggestionen zielten darauf ab, dem Menschen keine eigene Urteilsbildung zuzugestehen. Dieses Bestreben, den Menschen zu manipulieren und zu binden, hänge mit einem Schwinden der geistigen Ideale im Leben zusammen.

 

Die Suggestion müsse überwunden werden. Ihr bindender Charakter wirke schwächend und lähme die Fähigkeit zur Konzentration herab. Indem Bindungen zugelassen werden, sei der Einzelne in der Fähigkeit, Vorstellungen zu Idealen zu bilden, bereits reduziert.

 

Wie lassen sich Suggestionen erkennen? Da Suggestionen, sofern sie von führenden Personen ausgehen, besonders weitreichend sind, diente als Betrachtungsobjekt die Neujahrsansprache 2016/17 von Angela Merkel, mit der Fragestellung, wie sie auf die Menschen wirkt und ob sie Suggestionen enthält. Alle Anwesenden hatten von Freitag Abend bis zum Samstag ausreichend Zeit, die Ansprache zu lesen.

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

2016 war ein Jahr schwerer Prüfungen. Darüber möchte ich heute Abend zu Ihnen sprechen – aber auch darüber, warum ich trotz allem für Deutschland zuversichtlich bin und warum ich so sehr von den Stärken unseres Landes und seiner Menschen überzeugt bin.

Die schwerste Prüfung ist ohne Zweifel der islamistische Terrorismus, der auch uns Deutsche seit vielen Jahren im Visier hat. 2016 griff er uns mitten in unserem Land an: in Würzburg, in Ansbach und vor wenigen Tagen erst am Weihnachtsmarkt hier an der Gedächtniskirche in Berlin.

Und – ja – es ist besonders bitter und widerwärtig, wenn Terroranschläge von Menschen begangen werden, die in unserem Land angeblich Schutz suchen. Die genau deshalb die Hilfsbereitschaft unseres Landes erlebt haben und diese nun mit ihren Taten verhöhnen. Wie sie auch diejenigen verhöhnen, die tatsächlich unseren Schutz brauchen und verdienen.

Was also ist dann mit der Zuversicht, von der ich zu Beginn sprach? Zuversicht inmitten der tiefen Trauer um die Toten und Verletzten?…...........“1

 

Übungsplan

Die praktischen Schritte zu einem Schauen erfolgten nach einem Übungsplan, den Heinz Grill vorschlug und der hier in sehr verkürzter Form wiedergegeben ist.

Einige Sätze aus der Rede werden zunächst gelesen und dann erinnert.

 

Erste Fragestellung:

Wie empfindet der Einzelne subjektiv auf sich bezogen, wenn er den Text liest? Was macht der Text mit dem Menschen, was geht in ihm vor?

Es solle ein Eindruck gewonnen werden, wie die Rede im Seelen- bzw. Astralleib wirkt. (Im Astralleib finden sich die verschiedensten Stimmungen, Gefühle, Empfindungen, wie etwa Freude, Angst, Zuversicht, Bedrückung …...) Dafür den Text nicht analysieren, sondern auf Empfindungen oder Gefühle achten und sie benennen. Es ist sinnvoll, diese dann differenzierter zu beschreiben. Ein erstes Eindringen in das Konkrete der Sache erfolgt damit.

 

Zweite Fragestellung:

Wie empfindet ein Dritter, der die Sätze nicht kritisch prüft?

Dieser analysiert nicht, nimmt es als wahre ernste Ansprache auf, völlig unbefangen. Für diese Fragestellung den Text ebenfalls nicht kritisch hinterfragen, sondern sich nur in den anderen hineinversetzen. Was macht die Rede mit dem Menschen? Wie wird das Bild dieses Menschen nach außen hin erscheinen, wenn er die Rede gelesen hat?

 

Dieses bewusste Gegenüberstellen mit Hilfe der beiden Fragestellungen beschrieb Heinz Grill als eine wichtige Notwendigkeit, denn es werden neue Kräfte erzeugt, anstatt vielleicht nur Abwehrgefühle oder Sympathiegefühle zu entwickeln. Wir stellen zunächst fest, dass die Rede etwas mit uns macht und auch mit dem anderen. Sie bringt eine astralische Bewegung in das menschliche Dasein hinein. Die Wahrnehmung dazu sei eine Vorbereitung zum geistigen Schauen. Daraus erfolge zunehmend eine Wesenserkenntnis und es stellte sich als nächstes die Frage: Welches Wesen zeigt sich?

 

Dritte Fragestellung:

Wie sieht das Wesen in der Summe aus?

Dies sei nun kein Ratespiel, sondern Geistiges Schauen. Für diese Erkenntnisfindung regte Heinz Grill an, nochmals auf die Sätze des vierten Absatzes zu blicken und sich dann zu fragen, was entsteht, wenn sich diese Sätze mit dem Menschen begegnen? Was entsteht allgemein, nicht nur auf sich selbst bezogen? Welche Form hat das Wesen, wie groß erscheint es etwa? Den Absatz sich immer wieder vergegenwärtigen und die Frage hinzunehmen ohne schlusszufolgern, damit Eindrücke aus der Sache selbst, also dem Absatz sich eröffnen können.

 

Vierte Fragestellung:

Welche Erinnerungen erweckt dieses Wesen?

Indem das Wesen angeschaut wurde, lebt es empfindbar im Einzelnen. Mit der vierten Frage wird es mehr in den Raum gebracht, wieder etwas mehr weg von sich selbst.

 

Fünfte Fragestellung:

Welches Motiv trägt dieses Wesen in sich?

Heinz Grill erläuterte hierzu, dass jedes Wesen ein Motiv in sich trägt. Es wurde geboren im Menschen und trägt die Absicht seines Handelns oder Denkens in sich. Dieser Gedanke könne einmal zur Kenntnis genommen werden. Daraus ergab sich die ergänzende Frage, wer wohl diese Rede geschrieben hat. Auf diese fünfte Fragestellung sollte wiederum nicht sofort eine Antwort erfolgen, sondern das Wesen nochmals angeschaut werden, wie es durch die anderen Fragestellungen bereits charakterisiert wurde. Der Übende müsse verzögern und nicht sofort antworten, damit er nicht aus dem Subjektiven zu spekulieren und zu assoziieren beginne, sondern müssen es lange genug anschauen. Man könne sich auch fragen: Was wird dem Menschen in der Rede angeboten?

 

Die regen Wortmeldungen auf die Fragen sind hier nicht wiedergegeben, da sie dem praktischen Üben dienten. Unabhängig von einer Wesensschau, rein analytisch betrachtet, konnte aber eine sehr starke Polarisierung in der Rede wahrgenommen werden, die eine suggestive Zuordnung von Menschen in eine gute und eine schlechte Seite fördert. Zu einer vergleichenden Betrachtung und Wesensschau entsprechend den obigen Fragestellungen schlug Heinz Grill einen kurzen Text vor, den er anlässlich einer Tagung 2017 formuliert hatte:

 

Die vermeintliche Annahme, man stehe grundsätzlich auf der richtigen Seite des Glaubens und auf der Seite des friedvollen Volkes, impliziert die unverrückbare Feststellung, dass die anderen auf der falschen Seite des Glaubens stehen, kriegerische Absichten hegen und Sekte sind.

Das Wagnis, an den anderen und seine Wirklichkeit zu denken, wäre ein Grundstein gegen religiöse Diskriminierung und würde die individuellen Kräfte für eine gelungene Friedenspolitik schaffen.“1

 

Beim physischen Sehprozess, also dem Sehen mit den Augen, bemerkt sich der Betrachter selbst als den Beobachtenden. Im Unterschied dazu strahlt beim geistigen Schauen das Objekt zurück. Der sogenannte Äther strahlt aus dem Objekt zurück zum Menschen. Dies ist nicht der physische Sehprozess. Das Schauen erfolgt nicht mit den Augen, sondern aus dem Objekt heraus.

 

Die Manipulation am Menschenbild im Laufe der Geschichte“

Mit seinem Vortrag erweiterte Ludwig Meindl das Thema der Suggestion um einen grundlegenden Aspekt. Es wurde durch die Ausführungen deutlich, wie sehr das Bild des Menschen, das in der jeweiligen Zeit vorherrschend ist, entscheidend die gesellschaftlichen Bedingungen und das, was dem einzelnen Menschen an Möglichkeiten zugestanden wird, bestimmt. So stellt es beispielsweise einen sehr großen Unterschied dar, ob der Mensch als ein Wesen gesehen wird mit Körper, Seele und Geist und damit die Möglichkeit einer eigenständigen Verbindung zu der geistigen Welt besitzt, oder ob ihm nur Körper und Seele zugestanden werden und er folglich den Empfang der Sakramente und damit die Kirche benötigt, um in Verbindung mit der göttlich-geistigen Welt zu gelangen. Die Darstellung dieses umfassenden Themas würde den Rahmen dieser Zusammenfassung sprengen. Die Inhalte können jedoch in dem gerade erschienenen Buch von Ludwig Meindl „Der Mensch am Scheideweg – Das Bild des Menschen im Wandel der Zeit“² nachgelesen werden.

 

Rosenkreuzer-Schulung

Ein weiterer Vortrag von Alfons Weindorf gab einen Eindruck über die verschiedenen Stufen der Rosenkreuzer-Schulung und ihrer Schulungsprinzipien. Die Ausführungen machten den Anwesenden deutlich, dass auch für den Entwicklungsweg einer geistigen Wesensschau, wie er in der Fortbildung hier vorgeschlagen wird, ohne eine disziplinierte Praxis kaum gute Ergebnisse entstehen können. Wie in der Rosenkreuzer-Schulung sind dafür eine intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Wesensgliedern des Menschen (Körper, Lebenskräfteleib, Astralleib, Ich) sowie der Anerkennung einer geistigen Welt, die hinter der Materie existiert und diese erst hervorbringt, grundlegend.

 

Nachtodliches Leben

Das nachtodliche Leben, wie es hier dargestellt wurde, ist Teil der geistigen Realität des Menschseins. Heinz Grill ging mit einigen Ausführungen auch auf dieses Thema ein, indem er die Frage stellte, was die Seele nach dem Tode erlebt und wie sie im Nachtodlichen fühlt. Im irdischen Leben könne man sehr viel kompensieren, aber nach dem Tode sei die Seele mit jenen Motiven konfrontiert, die der Mensch während des Lebens in sich getragen hat. Die Seele trete nach dem Tode in jene Stofflichkeit ein, in der sie sich während des Lebens aufgehalten hat. Von diesem Blickwinkeln aus betrachtet sei es ein großer Unterschied, ob der Einzelne mehr in der Sphäre der Suggestionen mit ihrem Bindungscharakter verbleibt oder ob er ein aktives Denken, das auf Inhalte zugeht und in Beziehung tritt, entwickelt. Eine ausführlichere Zusammenfassung dazu von einer Schulungsteilnehmerin kann hier nachgelesen werden.

 

Unterschied von Suggestion und aktivem Denken – aktives Denken und Wesensschau

In den Suggestionen liege ein Begehren, eine starke Begehrenskraft. Denn Suggestionen werden alleine deshalb getätigt, um den Menschen emotional oder über Willenszugriffe zu vereinnahmen und für die eigenen Interessen und Vorteile zu benützen. Suggestionen dringen mühelos und meist unbemerkt in den Menschen ein und vereinnahmen sein Bewusstsein in Richtung ihrer verborgenen Absichten. Sie erfordern keinerlei Anstrengung beim Rezipienten und wiegen ihn in einer bequemen Welt.

 

Ein aktives inhaltliches Denken dagegen führe in die konkrete Beziehungsaufnahme zum Umfeld und ist frei von suggestiven Motiven und Zugriffen. Es erfordert jedoch eine konkrete Aktivität beim Einzelnen, dass er sein Denken eigenständig aufrichtet und unabhängig formt. Dieses aktive Denken erzeuge Wesen, die den Begehrenskräften der Suggestionssphäre entgegen wirken.

 

Heinz Grill unterschied hier ein Begehren, das auf der eigenbezogenen und verhafteten Stufe verbleibt von einem Begehren, das eine wertvolle Antriebskraft für jede Entwicklung darstellt. Das Begehren müsse in eine positive Entwicklung gebracht werden, andernfalls werde es zum Verhängnis. Ein großes Auto zu fahren bedeute nicht unbedingt Begehren. Entscheidend sei, ob die Entwicklung rückwärts oder vorwärts gehe. Jemand isst gut und genüsslich. Ist es Begehren oder nicht, führt es zu Verhaftung oder Entwicklung? Wohin führt eine Handlung? Um dies unterscheiden zu können sei die Wesenssicht entscheidend. So sei nicht das Begehren der Feind, sondern wenn der Mensch die Suggestionen nicht bemerkt, die seine Kräfte zum aktiven Denken verschlingen, denn diese sind für eine Wesenssicht notwendig.

 

Indem der Mensch sich konkrete Vorstellungen über eine Sache bildet, beginnt er aktiv zu denken. Heinz Grill stellte die Frage in den Raum, weshalb es so wichtig sei, dass der Mensch eine Vorstellung für einige Zeit aufrecht erhalten kann?

 

Zur Veranschaulichung für ein vorstellendes Denken wurde der Begriff „Spiritualität“ gewählt. Dieser Begriff sollte zuerst einmal in eine Anschauung gebracht werden, bevor man darüber zu reden beginne. Aus den Wortmeldungen wurde schnell sichtbar, wie unterschiedlich der Begriff assoziiert wird:

Spiritus ist Geist; bei Baum hat man sofort Bild, bei Spiritualität ist es schon schwieriger, wo schaue ich hin; Verlangen nach Geistigem - man kommt damit zu einer nächsten Dimension, einem neuen Begriff: Geist - die Vorstellung von Geist kommt dazu, dass es geistige Welt gibt; Spiritualität als Gegensatz zu Materiellem: Ich bin spirituell und nicht materiell orientiert; Esoterik – ist wieder neuer Begriff der herein kommt; -alität hat mit Tatsache zu tun (Realität, Kausalität, Brutalität, Spezialität …..); Mit Spiritualität ist Wirklichkeit verbunden, die nicht selbstverständlich ist; Sektenvorwurf; Spiritualität hat viele Assoziationen; Spiritualität wird oft gebraucht, aber man hat keinen Inhalt dafür; Spiritualität kann man nicht passiv erlangen, es muss durch eigene Aktivität erschaffen werden; „Seht Euch Verena an – ist sie spirituell? Ja wenn sie hier ist, dann muss sie ja spirituell sein!“; Worte werden oft assoziativ gebraucht;

 

Dieses Sammeln von Bedeutungszuschreibungen für den gewählten Begriff benannte Heinz Grill als Seelenübung, genauer gesagt als die Konsolidierungsphase dieser. Um nun mehr zum geistigen Schauen zu kommen, stellte sich die Frage, was durch diese Aktivität der Anschauungsbildung zu dem Begriff der Spiritualität entstanden war. Was konnte wahrgenommen werden?

Antworten:

Interesse, Freude, Bewegung, Formung, Raum wird als heller erlebt, als weniger eng, weiter, geordneter, natürlichere Wachheit ist entstanden, es öffnet sich etwas, Wärme- und Lichtätherkräfte werden aufgebaut, die Atmosphäre im Raum fühlt sich wärmer und zarter an, die Empfindung von Bogenformen entstand, …....

 

Für die Anwesenden wurde wahrnehmbar, wie durch das Aufgliedern und Differenzieren von Begriffen etwas entsteht, sich etwas um den Menschen herum verändert. Um dies wahrnehmen zu können, war es nötig einmal ganz ruhig zu werden und zu realisieren, dass man diese Eindrücke nicht mit den physischen Sinnen, beispielsweise den Augen, sehen kann. Deshalb könne man sie als übersinnlich bezeichnen. Sie lassen sich jedoch über ein waches Empfinden wahrnehmen, welches aber der Schulung bedarf. Heinz Grill regte deshalb die Unterscheidung dafür an, was man sehen und was man nicht sehen könne.

 

Die Wirkungen könne man auch betrachten, wenn man die Menschen um sich herum anschaue. Für diese feinere Wahrnehmung müsse man ruhig werden, denn durch das Wollen eines Ergebnisses sei ein geistiges Schauen nicht möglich. Als Beispiel nannte Heinz Grill die Farben. Diese kann man einerseits mit den physischen Sinnen sehen und Blau von Rot oder Grün unterscheiden. Blau, Rot oder Grün lösen aber neben dem Farbeindruck auch verschiedene Stimmungen in einem Raum aus, welche über die Empfindungen wahrgenommen werden können. Dieses Metaphysische könne man nicht mit den Augen sehen.

 

Es wurde deutlich, dass der Begriff „Spiritualität“, wie auch viele andere Begriffe, sehr mit Emotionen verbunden sind und dass die Verwendung der Begriffe sehr unterschiedlich sein kann. Deutlich war auch, dass viele Dinge im Leben nur assoziativ, ohne konkreten Inhalt verwendet werden. Begriffe müssten deshalb mittels eines aktiven Denkens und Vorstellens erst ins Außen gebracht und mit einem Inhalt gefüllt werden, damit sie eine klare und verständliche Aussage erhalten. Mit dieser relativ einfachen Übung werde eine erste Ordnung von außen und innen hergestellt und damit eine Ordnung im Seelen- oder Astralleib. Gerade in Bezug auf Suggestionen sah Heinz Grill diese Ordnung im Astralleib als sehr wesentlich an.

 

Den geistigen Weg wie er hier im Sinne einer Entwicklung verstanden wird bezeichnete er als Schutz für den Menschen, denn der Einzelne könne diesen Weg nur individuell, unabhängig und eigenständig ohne Übergriffe durch Dritte gehen. Ein Lehrer könne die Seele nicht erlösen durch Gnade, denn dann bliebe die Entwicklung aus. Die Ergebnisse seien auch immer ausgehend von dem jeweiligen Blickwinkel und der einzelnen Situation zu sehen. Der Weg ziele deshalb nicht auf eine endgültige Wahrheit ab, die sich fixieren ließe sondern entscheidend sei die Lebendigkeit der Auseinandersetzung. Sie bildet einen wesentlichen Grundsatz und Wertbegriff.