Oktober 2016 – Seminar Geistiges Schauen

  

Die Bedeutung, das individuelle Lernziel genau zu formulieren

 

Der Moderator des Seminares, Heinz Grill, schilderte zu Beginn des Seminars seine Beobachtung, dass schon seit längerem in der Gesamtheit der Menschen die Ideale immer mehr verloren gehen, sie nicht mehr richtig hervorgebracht werden und daher regte er als Ziel dieses Seminars an, die Schritte herauszuarbeiten, wie man ein Ideal richtig formt – neben der weiteren Aufgabe, die schon im letzten Seminar (Mai 2016) vorgestellte Seelenübung weiter in der Praxis zu erproben.

 

Ein Beispiel für ein erstes Ziel könnte etwa sein: „Ich möchte erkennen, ob eine Person eine Sache im freien Gedankenlicht betrachtet oder ob sie das Objekt sinnlich ergreift. An welchen Merkmalen kann ich es erkennen?“ Oder anders formuliert: „Ich möchte bei anderen Personen erkennen, ob sie den Sinnesprozess führen und möchte diese Kunst der Sinnesführung bei mir selbst ausbilden“

 

Für ein solches Ziel wäre es etwa wichtig, dass man zunächst überhaupt eine Vorstellung und Empfindung zu einem „freien Gedankenlicht“ oder zu einem „sinnlichen Ergreifen“ heranbildet und diese durch das Beobachten in der Praxis mit gewählten Inhalten immer mehr verfeinert.

    

Tafelbild aus dem Seminar: Die entwickelten Lernziele verbinden den einzelnen Menschen sowohl mit der seelisch-geistigen Welt, als auch mit der irdischen Welt. Über das aus einem Gedanken entwickelte Lernziel, das in der Gesamtheit der Welt auch eine Wahrheit besitzt, entfaltet der Einzelne Kräfte, welche aus dem freien Umraum heraus eine Veränderung oder Neugestaltung einer Erscheinung oder eines Umstandes bewirken.

 

Ein Grundproblem tritt hierbei auf: Die in der Übungsform und im Aufbau der Ziele sich vollziehenden Tätigkeiten des Menschen sind geistiger Natur, so wie der Mensch selbst in seinem Kern geistiger Natur ist. Wir kommen aber heute in das Dilemma mit dem Geist, da dieser zumindest im kirchengeprägten Westen schon seit langen in der Geschichte und auch heute immer noch dem Menschen abgesprochen wird. Daher weiß man nicht, was er bedeutet, wie er sich äußert und wie man letztlich seine geistige Natur „einsetzt“.

 

So weiß man meistens, was man nicht will, aber was dann an der Stelle des Nichtgewollten sein soll, bleibt meistens völlig im Unbestimmten, weil die entsprechende Vorstellung nicht aufgebaut wurde. Zum Beispiel ist jemand ein Verfechter gegen den Handysmog, aber es fehlt die Vorstellung, wie ein Mensch und die durch den Menschen gestalteten Bedingungen aussehen könnten, so dass dann in der Folge ganz andere Formen der Kommunikation und der gewählten Mittel gegeben sind. Ähnliches lässt sich sicher auch für die von vielen Menschen heute als problematisch gefundenen Formen der Politik, des Wirtschaftens oder des Geldwesens sagen. Man empfindet sie als problematisch, aber es fehlen die gebildeten Vorstellungen, durch die eine wirkliche Verbesserung oder schließlich ein Ideal des Zusammenlebens und Arbeitens im Konkreten geformt werden kann.

 

Um schöpferisch die Umstände des Lebens anzuheben, muss zuerst ein Ideal in der Vorstellung geschaffen und diese Vorstellung in der Außenbeobachtung an den Umständen und den Menschen immer mehr verfeinert und differenziert werden. Durch diesen immer wieder erfolgenden Aufbau eines Bildes zu dem angestrebten Ideal entstehen Ätherkräfte, in deren Lebendigkeit sich die Form immer mehr manifestiert.

 

Mit „Äther“ werden Kräfte bezeichnet, die zunächst auf dem Menschen und die Umgebung belebend und kräftigend wirken, die aber auch, wenn die Gedanken, denen sie entspringen, durchgestaltet sind, eine diesen Gedanken oder dieser Vorstellung entsprechende anziehende Dynamik entwickeln.

 

In einem ersten Schritt der Vorstellungsbildung ist es wichtig, das Ideal oder Ziel wirklich bildhaft aufzubauen und nicht etwa nur in abstrakten Begriffen zu „denken“ oder aus dem Gemüt oder Wollen zu „wünschen“. Es ist also von Bedeutung wirklich Bilder zu dem Erstrebten zu erzeugen.

 

So war ein weiteres Beispiel die schöne Bewegung: Was ist eine „schöne Bewegung“, wann wirkt eine Bewegung schön? Dies wurde als Frage von Heinz Grill an die Teilnehmer gerichtet.

 

Eine erste Antwort war: Wenn sie „harmonisch“ ist.

Das war unzureichend,  weil der zunächst unbestimmte Begriff „schön“ nur durch den anderen zunächst unbestimmten Begriff „harmonisch“ ersetzt wurde. Es wurde noch zu wenig eine bildhafte Vorstellung erzeugt.

Eine andere Antwort war: Wenn einer Bewegung auch ein gedachter oder auch ausgesprochener Inhalt zugrunde liegt.

Hier wurde die Vorstellung schon mehr gestaltet, eine Bewegung ist schön, wenn sie sich zum Beispiel im Zusammenhang mit einem Gedanken oder einem Inhalt befindet.

Eine Gefahr bei der Vorstellungsbildung ist also, dass sie nur begrifflich abstrakt erfolgt und in Erklärungen dann ein abstrakter Begriff durch einen anderen abstrakten Begriff ausgetauscht wird.

  

Im oben beschriebenen Zusammenhang war die Aufgabe für den Kurs dann:

Wir wollen den Menschen genau beschreiben, der die Ätherkräfte führen kann, der also in der Lage ist, durch Gedanken und aufgebaute Vorstellungen, Äther- oder Lebenskräfte in geeigneter Weise zu gestalten und auch ihre Bewegungen zu führen. Diese Führungskraft mittels Gedanken und Vorstellungen ist auch die Kraft, die dem „Geistigen Schauen“ zugrunde liegt. So konnten wir die Aufgabe auch in einer kurzen Frage formulieren:

 

Wie sieht ein Mensch aus, der geistig schauen kann?

 

So kann man etwa, während im Seminar oder auch bei anderen Gelegenheiten ein „geistiges Schauen“ als Seelenübung praktiziert wird, erforschen, wie drückt sich diese Tätigkeit bei anderen und bei uns selbst aus? Durch das Wechselspiel zwischen Vorstellungsaufbau und Beobachtung wird eine Grundkraft manifestiert, die das Ideal des geistig schauenden Menschen immer mehr heranführt.

Um dieses Ideal zu erbauen, reicht es also nicht, nur zu sagen oder zu wünschen: „Ich möchte geistig schauen können.“ Sondern es wäre also für den Fortschritt sehr günstig, zu lernen, Menschen und Umstände nach dem gewählten Ideal zu beobachten und die Vorstellungen im Denken immer weiter zu kreieren.

 

Warum ist dieser Schritt, das Lernziel richtig zu formulieren und in der Vorstellung immer weiter aufzubauen, so wichtig?

 

Der Mensch kann das Ziel oder Ideal nicht einfach nur aus dem heraus aufbauen, was er in sich schon ist. Er muss sich zu neuen Gedanken hinwenden, das Ziel dann in ersten Konturen aufbauen. Er tritt nach außen in die Beobachtung, wählt Objekte, deren Betrachtung in Beziehung zu seinem Ziel stehen oder tritt in Austausch mit weiteren Personen. Er entwickelt die Vorstellungen weiter und lernt, das Angestrebte so zu beschreiben, dass es mehr und mehr auch für einen Außenstehenden anschaubar wird.

Das heißt, der Übende betreibt eine Art des „sozialen Prozesses“, sein Ziel wird mitteilbar oder sozialfähig und gleichzeitig baut er seine Vorstellungen und Inhalte in sich selbst, oder besser gesagt, in seiner Umkreissphäre immer mehr auf, er erschafft sie regelrecht aus diesem Prozess.

 

Eine weitere Frage war: Wie kommt das Ideal in den Menschen, sodass es ihn bewegt?

Heute erkraften die Ideale immer weniger, weil der Glaube an die eigene Schöpferkraft denkbar gering ist und weil man es kaum für möglich hält, dass man Kräfte wie die genannten Ätherkräfte selbst erzeugen oder führen kann. Heute wird das Ideal oder überhaupt die Möglichkeit, dass der Mensch in Begegnungen aufbauend wirken kann, gar nicht gedacht. Man ist noch gar nicht in der mentalen Verfassung, dass man an die eigenen Schöpferkräfte glaubt.

 

Heinz Grill: „Der Mensch muss von dem, was er erstrebt, ein ordentliches Bild erzeugen, sich ordentlich auseinandersetzen mit dem gesamten Beziehungsumfeld, mit dem sein Ziel in Verbindung steht und das Bild immer deutlicher und detailreicher zu diesem Ziel erbauen. Es ist nötig, nicht nur von Idealen zu sprechen, sondern sie zu schaffen.“

 

Heinz Grill führte weiter aus, dass das Vertrauen in diese eigene Schöpferkraft wichtig ist.

Zum Beispiel wenn ein Bauer, der ökologischen Landbau auf anthroposophischer Grundlage betreibt, das Feld betritt, weiß: „Wenn ich das Feld betrete, dann soll der Kieselprozess angeregt werden, in meinen Pflanzen und auf dem ganzen Felde. Und er soll nicht nur angeregt werden, er wird angeregt!“

 

Mit dem Ideal erzeugt der Mensch unmittelbar Ätherkräfte auch für die nachtodliche, das heißt seelisch-geistige Welt. Die von ihm in der ätherischen Sphäre erbauten Bilder wirken nach dem physischen Tod weiter und strahlen aus dem weiteren Umkreis auf die Hinterbliebenen und die Natur zurück.

Eine Ätherkraft entsteht, wenn man einen Gedanken oder eine Vorstellung im Bewusstsein länger hält, pflegt und erweitert. Und die erbauten Ätherkräfte unterstützen rückwirkend wiederum den Gedanken- und Vorstellungsprozess, da sie eine ihrer gebildeten Bewegung nach anziehende Dynamik auf weitere ergänzende Gedanken und Umstände hervorbringen. Daher „sollen wir uns so erziehen, dass wir Ätherkräfte erschaffen“.

 

Die folgende Frage zur Entwickelung eines Ziels oder eines Ideals ergab sich dann auch konsequenterweise:

 

Was braucht die Welt, was brauchen die Menschen, was braucht die geistige Welt?

    

Das Tafelbild zeigt schematisch, wie der Mensch als geistiges Wesen sowohl Wirkungen in die äußere Welt als auch in die seelisch-geistige Welt gibt.

 

Durch die Erziehung, den Zeitgeist und das gesamte kulturelle Gefüge, also kurz gesagt durch das heute vorherrschende und eingeprägte Menschenbild wird es dem Menschen heute verboten, ohne dass er sich dessen bewusst ist, für andere ein förderliches Ideal zu denken, da das eingeprägte einschränkende Menschenbild meistens vor allem unterbewusst wirksam ist.

 

Ein Beispiel, wie ein Gedanken, gerade auch in Konfliktsituationen für einen anderen Menschen wirksam gemacht werden kann, war dann die folgende Frage:

 

Wie geht man mit jemanden um, der bezüglich einer Sache in Befangenheit ist und aus dieser Einseitigkeit auch eine einseitige Position bezieht?

 

Ein erster Punkt ist, dem betreffenden Menschen nicht mit dem äußeren, heute oft üblichen Moralisieren zu begegnen, etwa in dem Sinne von „du solltest doch...., Sie dürfen nicht...., das weiß doch jeder, dass....“

Es wäre vielleicht günstiger, sich zu fragen, „welchen Gedanken mache ich für den anderen wirksam“, denn der Mensch, auch und gerade der einseitig befangene, sehnt sich nach einem Schritt der Weiterentwicklung oder der Weitung und möchte keine moralischen Zwänge.

 

Eine Person befindet sich in einer starken einseitigen Befangenheit (dicke Kugel). Die zweite Person (links) platziert einen geeigneten Gedanken, so dass dieser eine freie Wirksamkeit entfalten kann. Entscheidend für die Wirksamkeit des Gedanken ist, dass er einen freieren und übergeordneten Aspekt hereinführt und nicht in dem Geflecht der Bindungen und Befangenheiten ansetzt.

 

Auch ist es sehr ungünstig auf das eventuell vorhandene falsche oder zwanghafte Verhalten des Gegenübers frontal oder unmittelbar konfrontativ zuzugehen, sondern es wäre günstig, den Mut zu haben, für den anderen einen erweiterten Gedanken außerhalb der gebundenen Sphäre zu fassen. Wenn man sich fragt, was der andere wirklich in seiner Situation für eine weitere Entwicklung braucht, kommt man darauf, dass er oft ganz andere Gedanken benötigt als wir zunächst meinen.

 

Das oft praktizierte Verhalten, dass man es der Umgebung recht machen will, im Sinne eines von der Allgemeinheit äußerlich für gut befundenen Auftretens ist ebenfalls eher fragwürdig, denn die Welt braucht keine Diener, die sich sagen: „ich mache es den anderen recht“ oder „ich opfere mich hin“. Die Welt braucht keine treuen Diener, sondern Menschen, die spielerisch mit einem Thema oder Gedanken auf den anderen zugehen können.

  

Im folgenden praktizierten wir auch für das Heranbilden einer Vorstellung zum „Geistigen Schauen“ eine Anschauungsübung: Es sollte jemand betrachtet werden, mit der Frage, wie sieht es aus, wenn er „geistig schaut“, das heißt wenn er eine bildhafte Vorstellung zu einer im Äußeren gegebenen Sache kreiert und diese Vorstellung frei in den Raum platziert, ohne sie aber auszusprechen, so dass die Teilnehmer während der Demonstration nicht wussten, um welche Sache es ging? Heinz Grill stellte sich als Betrachtungsobjekt zur Verfügung, er baute konzentriert vor den Teilnehmern stehend eine Vorstellung auf und wir versuchten, den im Stillen vollzogenen Vorgang mitzuverfolgen.

 

Mit „wie sieht es aus“ war gemeint:

  • Kann man schon in der Empfindung wahrnehmen, welche Veränderungen im Umraum, etwa unmittelbar an der gedanklich aktiven Person oder im weiteren Umraum stattfinden?
  • Sind auch unmittelbar Veränderungen an dem Körper der aktiven Person erkennbar und von welcher Art wären diese dann?
  • Entspringen die eventuell beobachtbaren Wirkungen aus dem Körper selbst oder wirken sie mehr von außen kommend auf den Körper ein?

Wichtig für die erste Beantwortung der Fragen war, dass wir immer aus der Anschauung heraus beschreiben, und nicht assoziierend schlussfolgern.

 

In ersten Antworten wurde gesagt, dass der Körper schön wirkt.

Dies wurde dann so näher erläutert, dass der Körper im Bewusstseinslicht erscheint und dieses „Bewusstseinslicht“ strahlt aber nicht aus dem Körper, sondern mehr wie von außen kommend. Es wirken von außen kommende Strukturkräfte am Körper, die in erster Annäherung mit Licht und Wärme bezeichnet wurden. Der Körper bleibt aber mehr Körper, er bleibt mehr oder geht sogar mehr in seine Zuordnung zur physischen Welt und wird nicht ergriffen oder manipuliert, obwohl die geschilderten Wirkungen an ihm sichtbar wurden.

  

Aus diesen Betrachtungen wurden dann weitere Übungsmöglichkeiten angeregt: Man kann zum Beispiel beobachten, ob der eigene Körper mehr im Bewusstseinslicht erlebt wird, oder mehr gebunden im Gefühl oder verquickt mit dem Zeitgeist. Mit dieser Fragestellung ließen sich auch andere Menschen beobachten.

Ab den Moment, wo wir Menschen mit einer freien, nicht moralisierenden, aber gezielten Fragestellung beobachten, schaffen wir auch entsprechende Kräfte für den anderen und entwickeln selbst immer mehr eine bessere Vorstellung und damit auch ein besseres Vermögen in der Sache.

 

So war auch die „Guruverehrung“ in den klösterlichen Übungsstätten des asiatischen Kulturraumes bezogen, die heute in der westlichen Welt eher als anstößig empfunden wird. Sie besagt, man solle „sich dem Meister ganz hingeben“. Damit war keine Unterwürfigkeit gemeint, sondern ein intensives Studieren des Meisters. Man wusste, wenn man ihn studiert, dann wird man mit der Zeit dessen Qualitäten aufnehmen und erweitern. Freilich sind diese östlichen Übungsformen und ihr Kontext in Bezug auf das gesamte Leben nicht einfach in den westlichen Kulturkreis zu übernehmen.

 

Wesentlich ist aber, dass der Mensch nur das erkennen, für sich umsetzen und schließlich in die Welt bringen kann, was er auch in seiner Vorstellung immer mehr erschafft, immer detailreicher und umfassender kreiert.

   

Es ergab sich dann auch im Seminar die Frage, wie man das einmal im aktuellen Seminar erreichte Übungsniveau über die Zeit weg im Alltag bis zum nächsten Seminar aufrecht erhalten könnte. Denn die Welt ist sehr belastet und in einer Schwere, welche sich im Alltag deutlich bemerkbar macht. Wenn man abends nach Hause kommt, ist man oft nicht einmal mehr fähig, etwas Anspruchsvolles zu lesen. Die Menschen erleben sich in einer Schwere und kommen auch nicht so leicht heraus.

Wie kann man zum Beispiel im Alltag einen Dialog eröffnen, der die Schwere überwindet und einen Inhalt in das gemeinsame Gespräch bringt und man nicht nur Floskeln austauscht, damit dieses ermüdende Erleben des Alltags nicht jeden Ansatz um weiteren Übungsfortschritt erstickt?

 

Ein spielerisches Umgehen mit den „Sperrigkeiten“ des Alltags:  Ein Beispiel von Heinz Grill war sehr nett: Er erzählte von einem Bergsteiger, der es fertig brachte, so leicht und humorvoll mit Kollegen umzugehen, die sehr eitel waren und die Leistung, extreme Touren in möglichst kurzer Zeit bewältigt zu haben, sehr hoch werteten. Er stellte sich im Dialog als ganz unfähig dar, obwohl er ein Profi im Bergsteigen war und bewunderte die anderen. Das wurde so übertrieben, dass dann schließlich im Raum stand, dass es eigentlich ein Unsinn ist, nur wegen des Ansehens und der Leistung zu klettern und dies gelang, ohne dass die eitlen Bergsteigerkollegen gekränkt wurden.

Heinz Grill regte hier an, dass man für dieses Eröffnen des Dialoges auch etwas Phantasie walten lassen kann, man kann den anderen durchaus mit humorvoller Phantasie aus der Schwere der eigenen Determinierungen herauslocken.

    

Betrachtungsübung in der Natur

 

Der zweite wesentliche Teil des Seminars war das Studium der Ätherkräfte in der Natur anhand der Seelenübung. Wir gingen in den Gartenbereich hinter dem Hotel und jeder nahm sich einen Ausschnitt vor, der in der nahen Natur zu sehen war, denn der Blick sollte für die Betrachtung nicht zu fern in die weitere Landschaft gelenkt werden, sondern bei den näheren Bodenbereichen und Pflanzen bleiben.

 

Sobald die Teilnehmer einen bestimmten Bereich oder eine bestimmte Pflanze ausgewählt und sich eingeprägt hatten, baute jeder für sich sein Bild mehrmals wieder in der Erinnerung auf und suchte möglichst genaue Adjektive, mit denen er seinen Eindruck möglichst bildhaft beschreiben konnte.

 

Einige Teilnehmer beschrieben dann ihre ausgewählten Bereiche und die ersten in der Vorstellung auftretenden Eindrücke oder Empfindungen. Dabei waren zum Beispiel der Glanz auf einem Blatt oder die trotz genauer Beobachtung nicht ganz klar hervortretende Form eines Blattes auf Ätherwirkungen hinweisende Kriterien.

Es wurden Eindrücke geschildert, wie ein Wasser, das langsam zurückweicht, etwa wie die einsetzende Ebbe nach der Flut, oder dass die Dinge einem nicht so entgegentreten. Die Farben waren eher gedämpft und das in der Betrachtung gewählte Objekt wirkte wie leicht umhüllt.

 

Nach einigem Üben bemerkte man, dass der chemische Äther wirksam war, mit einer schon fast greifbaren Tendenz zum feuchteerfüllten Luftraum. Dieser machte sich an der Haut als etwas bemerkbar, wie wenn man weich umhüllt wird. Die erlebte oder erfühlte Tendenz könnte, so erläuterte Heinz Grill, sogar einen Hinweis darauf geben, dass in den folgenden Stunden oder am nächsten Tag Regenfälle auftreten und tatsächlich regnete es auch am nächsten Tag.

Heinz erwähnte weiter, dass die Luft auch ganz fein von gebildetem Eiweiß durchzogen sei, so dass sie fast wie ernährend wirken würde. Dieses Phänomen träte aber nicht generell mit dem chemischen Äther auf, sondern nur im Zusammenspiel mit einer bestimmten Geomantie, etwa in Form des Zusammenwirkens von Bergen und größeren Gewässern, wie zum Beispiel dem Gardasee und sei auch naturwissenschaftlich nicht so leicht erklärbar.

 

Individuation und Sukzession

 

Ein drittes Thema des Seminars war das Thema von Individuation und Sukzession. Hierzu wurden Beiträge von einzelnen Teilnehmern vorbereitet und auch vorgetragen.

Die Form der Sukzession, also der „Nachfolge“, schilderte Frau Johanna W. in ihrem Beitrag anhand des Beispiels der katholischen Kirche und verglich diese Form in ihren Grundstrukturen mit der Struktur eines Geistschulungsweges, der für die heutigen Erfordernisse der Bewusstseinsentwicklung des Menschen angemessen sein soll.

 

Als Ziel setzten wir uns, den einzelnen Beitrag in seinen Punkten gegebenenfalls aufbauend zu erweitern, also konstruktive Kritik zu üben. Unter konstruktiver Kritik wurde im Kurs auch verstanden, dass man nicht etwa sagt: „Der Beitrag ist gut und der schlecht“ oder indem man dem Referenten nur Fragen stellt, sondern indem man den Beitrag vielleicht um ergänzende Punkte erweitert oder die Gedanken in der Logik noch in einer bessere Ordnung bringt oder zusätzlich herausarbeitet und verstärkt.

 

Heinz Grill bemerkte hierzu, dass es, bei aufrichtiger Bemühung, eigentlich keinen „falschen“ Beitrag gibt, es ist nur oft in mancher Darstellung die Logik der Gedanken an einer Stelle in Unordnung und die könnte man dann korrigieren. Diese konstruktive Kritikfähigkeit sei eine Herzenseigenschaft, also eine Eigenschaft, die vermittelnd und ergänzend tätig ist und den anderen aber in seiner Ichposition bewahrt. Es ginge auch bei den Beiträgen nicht etwa darum, die Sukzession zu verdammen und die Individuation zu loben.

  

Weitere Vorträge in diesen Seminar waren:

 

Ludwig M.: „Die Tiere in der Philosophie und Geisteswissenschaft“

 

Martina P.: „Die Sinnesfreude als Qualität der Mitte des Menschen“

 

Martin M: „Der Aufbau der Konzentrationsübung“

 

 

Günther Pauli